Glamour und Skandal: Wilhelmine von Grävenitz
Grävenitz Palais, Marstallstraße 5, Ludwigsburg (Wiedergabe in veränderter Größe, Urheber: Ludwigs Unbürger, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Graevenitz_Palais_Marstallstrasse_5_Ludwigsburg_DSC_4206.jpg, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)

Glamour und Skandal: Wilhelmine von Grävenitz

Die Dame von Grävenitz ist in Ludwigsburg ein Begriff. Selbst wer ihre Geschichte nicht kennt, hat doch zumindest ihren Namen schon einmal gehört oder einen Cocktail im „Grävenitz“ geschlürft.

Das Grävenitz-Palais in der Marstallstraße 5 in Ludwigsburg


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Die unglückliche Ehe des Herzogs Eberhard Ludwigs von Württemberg

Schwer einzuordnen, wo diese Mikrogeschichte, die sich wie ein Roman liest, beginnt: sinnvollerweise vieleicht bei der Eheschließung zwischen Ludwigsburgs Stadtgründer und Namensgeber Herzog Eberhard Ludwig (1676 bis 1733) und Johanna Elisabeth von Baden-Durlach (1680-1757) im Jahr 1697. Schon im Jahr darauf wurde Erbprinz Friedrich Ludwig (1698–1731, merken, das Datum wird noch wichtig!) geboren, womit Johanna Elisabeth ihre „Pflicht“ erfüllt hatte. Wenig überraschend handelte es sich um eine politische Ehe und nicht um eine Liebesheirat, soweit normal. Die herzoglichen Eheleute hielten sich danach weitgehend fern von einander und Eberhard Ludwig unterhielt mehrere Affären, während seine Frau Johanna Elisabeth ein streng pietistisches Leben in Stuttgart führte.

Herzog Eberhard Ludwig

Herzog Eberhard Ludwig (Unbekannter Maler – eingescannt aus: Robert Uhland (Hrsgb.): 900 Jahre Haus Württemberg, 3. Aufl., Stuttgart, 1985, S. 221, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:900-221_Eberhard_Ludwig.jpg)

Christina Wilhelmine von Grävenitz wird nach Württemberg geholt

Eberhard Ludwigs Beziehungen zu seinen Mätressen waren von kurzer Dauer und Teil einer ausgeklügelten Politik seiner Höflinge. An seinem Hof befand sich auch der Geheime Rat Friedrich Wilhelm von Grävenitz (1679-1754) aus dem Brandenburgischen Kleinadel, der am Württembergischen Hof zwar Karriere gemacht hatte, jedoch als „Ortsfremder“ um seine Position fürchtete. Um seinen Platz am Hof von Eberhard Ludwig zu sichern, holte er seine Schwester Christina Wilhelmine Friederike von Grävenitz (1685-1744) nach Württemberg, die er aktiv und mit Hilfe anderer geschickt mit dem Herzog bekannt machte. Angeblich waren neben Friedrich Wilhelm von Grävenitz auch Hofmarschall Johann Friedrich von Staffhorst mit seiner Frau, sowie die Mätresse Madame de Ruth, der Geheimrat von Reischach und Fürst Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen eingeweiht. Ihre Gründe sind aber größtenteils unbekannt. Wilhelmine von Grävenitz erreichte Stuttgart im Jahr 1706. Der Plan funktionierte aber was nun folgte war wohl kaum beabsichtigt gewesen.

Wilhelmine von Grävenitz

Angebliches Miniatur-Portrait der Wilhelmine von Grävenitz von 1721, doch es gibt kein verbürgtes Bild von ihr. Dass niemand genau weiß, wie sie aussah, macht sie umso spannender. (C. E. de Quitterhttp://www.schloss-ludwigsburg.de/de/233155.html?image=233135, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wilhelmine_von_Gr%C3%A4venitz.jpg)

Ein Herzog mit zwei Ehefrauen: der Grävenitz-Skandal

Eberhard Ludwig war begeistert von der intelligenten und talentierten Wilhelmine mit der schönen Gesangsstimme, sodass er bald das Interesse an seiner aktuellen Favoritin Madame von Geyling verlor. Doch statt einer kurzen Affäre entwickelte sich eine echte Liebesbeziehung und ein handfester Skandal, ja, eine Staatsaffäre. Um Wilhelmine rechtlich abzusichern gingen sie und der Herzog 1707 eine (zunächst) „geheime“ Ehe ein, womit Eberhard Ludwig Bigamie beging. Er war ja bereits verheiratet. In der sogenannten „Uracher Proklamation“ gab der Herzog die Heirat schließlich sogar öffentlich bekannt und erhob Wilhelmine und ihren Bruder in den Reichsgrafenstand, beziehungsweise er überredete Kaiser Joseph I irgendwie dazu. Wie zu erwarten, war die „Öffentlichkeit“ nicht begeistert von der zweiten Ehefrau des Herzogs. Die betrogene Herzogin Johanna Elisabeth dachte nicht daran, sich scheiden zu lassen und klagte zusammen mit ihrem Vater bei Kaiser Joseph I in Wien, demselben Joseph I, der Wilhelmine zur Reichsgräfin ernannt hat. 1708 annulierte der Kaiser die Ehe und Wilhelmine musste ins Schweizer Exil, ihre Titel durfte sie aber behalten. 1711 fand sich dann eine diplomatische Lösung: Grafen Johann Franz Ferdinand von Würben und Freudental ehelichte Wilhelmine und wurde dafür mit dem Titel des Landhofmeisters belohnt. Angeblich sicherte ein Vertrag zu, dass von Würben sowohl seiner Frau als auch dem Hof fernbleiben musste, dennoch profitierte er vom Arrangement.

Die frischgebackene Landhofmeisterin von Würben konnte sich nach 1711 also frei und hochrangig am Württembergischen Hof bewegen. Es folgten genau 20 erfolgreiche Jahre an der Seite ihres Herzogs, der ihre Meinung schätzte und sie in Gremien aufnahm, zum Beispiel das 1717 gegründete Konferenzministerium.

Eberhard Ludwig erprobte den Absolutismus in Württemberg, und lebte in Luxus. Bereits 1704 hatte er sich das Jagdschloss in seiner Neugründung „Ludwigsburg“ erbauen lassen, jetzt kamen Ausbauten und eine ganze Stadt dazu. Wilhelmine wurde reich beschenkt und 1728 erhielt sie in der Marstallstraße 5 ihr eigenes Palais, das „Grävenitz-Palais“, heute Kulturstandort. Der Stil des Gebäudes deutet auf einen Entwurf des italienischen Stuckateurs Donato Giuseppe Frisoni hin, der es auf der Schlossbaustelle bis zum Baumeister brachte und von dem ganze Stadteile stammen.

Der Lebensstil auf großem Fuß des Fürsten und die öffentliche Beziehung zu seiner Mätresse stießen beim protestantisch-pietistischen Volk und Hof nicht auf Gegenliebe. Wilhelmine wurde als „Landverderberin“ der Verschwendungssucht, der Abtreibung, Schönheits- und Liebes-Zauberei beschuldigt. Und alles, was man dem eigenen Fürsten nicht vorwerfen konnte, durfte man seiner Mätresse anlasten. Die Herzogin Johanna war verständlicherweise ebenfalls kein Fan der Frau Landhofmeisterin.

Grävenitz-Palais, Marstallstraße 5 in Ludwigsburg
Grävenitz Palais, Marstallstraße 5, Ludwigsburg (Wiedergabe in veränderter Größe, Urheber: Ludwigs Unbürger, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Graevenitz_Palais_Marstallstrasse_5_Ludwigsburg_DSC_4206.jpg, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)

Madame von Grävenitz wird verstoßen

1731 starb der Erbprinz Friedrich Ludwig im Alter von 33 Jahren kinderlos (sein Sohn war schon mit einem Jahr gestorben) und nach langer Krankheit. Für Eberhard Ludwig wurde die Frage der Thronfolge drängend, wollte er verhindern, dass sein katholischer Cousin Karl Alexander, die Stuttgarter Dynastie beerbte (Spoiler: Karl Alexander beerbte die Stuttgarter Dynastie). Eberhard Ludwig verstieß Wilhelmine, die sich auf ihr Gut in Freudental zurückzog.

Angeblich steckte ihr eigener Bruder hinter dem Bruch, der in ihr zunehmend eine Machtkonkurrenz sah. Eine andere Theorie besagt, dass sie mit zunehmendem Alter, sie war inzwischen 46, für den Herzog schlicht zu alt und unattraktiv geworden war.

Der Herzog versöhnte sich mit seiner Ehefrau Johanna und versuchte vergeblich einen neuen Thronfolger zu zeugen. So zumindest sagt es eine verbreitete Theorie, doch auch dem Herzog muss klar gewesen sein, dass Johanna inzwischen 51 Jahre alt und ein weiterer Thronfolger unwahrscheinlich war.

Eine Erkrankung des Herzogs bewog ihn dazu, seine Mätresse der Hexerei zu verdächtigen und so wurde Wilhelmine im Oktober 1731 in Freudental verhaftet und bis 1733 im Schloss Urach und auf der Festung Hohenurach festgesetzt. Doch Herzog Eberhard Ludwigs hatte einen juristischen Fehler begangen, Freudental unterstand nämlich nicht Württemberg sondern dem Kaiser persönlich, sodass er Wilhelmine dort gar nicht hätte verhaften dürfen. Kaiser Karl VI setzte sich erfolgreich für ihre Freilassung ein. Im Dezember 1732 verpflichtete sie sich nie wieder Württembergischen Boden zu betreten und Geschenke an den Herzog zurückzugeben. Im Gegenzug wurde sie finanziell entschädigt und konnte in Berlin unter dem Schutz des Preußischen Königs Wilhelm I standesgemäß leben. Sie starb am 21. Oktober 1744, ihre goldene Sargtafel wurde bei einer Restaurierung Berliner Nikolaikirche geborgen und ist im Berliner Stadtmuseum ausgestellt. Darauf steht:

„Christina

Wilhelmina Gräffin

von Wirben gebohrne

Gräffin von Gräveniz

ist geboh:[ren] den 4. Februarii 1685

selig gestorb:[en] 21 Octob:

1744

Hier liegt ein Gott versöhntes Kind

in Christi Blut gebunden

Dem Gott geschenckt all seine Sünd

Durch Christi Todt und Wunden

Die Seele ist im Himmel rein

Ihr Gott bewahret ihr Gebein

Läst sie mit Freuden

auferstehn„


Weitere Informationen:

https://www.schloss-ludwigsburg.de/wissenswert-amuesant/persoenlichkeiten/wilhelmine-von-graevenitz

Café und Bar: http://das-graevenitz.de/


Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelmine_von_Gr%C3%A4venitz

https://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_Ludwig_(W%C3%BCrttemberg)

https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Elisabeth_von_Baden-Durlach

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_von_Gr%C3%A4venitz

https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_I._(HRR)#Thronfolger

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwigsburg#Barocke_Gr%C3%BCndung_unter_Eberhard_Ludwig_(1704%E2%80%931733)

Wolfgang Läpple (Stadtarchivar); Stadt Ludwigsburrg (Hg.): Das Grävenitz-Palais. Ein Gebäude als Spiegelbild der Ludwigsburger Stadtgeschichte. Ludwigsburg, 1988.

Andrea Hahn: Ludwigsburg. Stationen einer Stadt. Jagdschloss – Residenz – Garnison – Medienstandort. Horb am Neckar 2004.

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