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Der Fälscher Konrad Kujau

Ein bisschen zwischen Skurrilität und westdeutscher Nachkriegsgeschichte befinden sich Leben und Werk von Konrad Kujau, den man wohl zurecht als Meisterfälscher bezeichnen muss. Ihm ist in Bietigheim-Bissingen ein privates Museum gewidmet ist. Der Besuch lohnt, weil hier viel über geschichtswissenschafltiche Methoden (und das Fälscherhandwerk) gelernt werden kann.


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Das Leben

Noch nie hatte ich das Gefühl, dass den Quellen so wenig zu trauen ist. Deshalb beschränke ich mich hier auf die groben Eckdaten und darauf, was sich aus der Biografie Konrad Kujaus entwickelte.

Geboren 1938 im sächsischen Löbau, veröffentlichte er schon im Jugendalter, in der damaligen DDR, Karikaturen in mehreren Zeitungen. Welche Ausbildung er nach der Schule genoss, darüber gehen die Quellen bereits auseinander. Von einer Schlosserlehre und/oder einem abgebrochenen Kunststudium ist hier die Rede. Das soll hier keine Rolle spielen. Belegt ist sein künstlerisches und handwerkliches Talent.

Er soll sich wegen eines Diebstahl-Gerichtsverfahrens 1957 nach Westberlin begeben haben und landete schließlich in Bietigheim-Bissingen, wo er lange Zeit lebte und „wirkte“.

Der „Fischer“

Als Kunsthändler Fischer vertrieb er recht erfolgreich seine Fälschungen, sowohl Schriftstücke als auch Gemälde. 1983 landete er dann mit den „Hitlertagebüchern“ seinen großen Coup, die das Nachrichtenmagazin „Stern“ für 9,3 Millionen DM kaufte und sich damit bis auf die Knochen blamierte. Kujau gab sich mit der Herkunftsgeschichte der Tagebücher große Mühe und selbst Experten fielen zunächst darauf herein. Die angeblichen Hiter-Tagebücher waren nicht die einzigen Nazi-Devotionalien, die er verkaufte, und Kujau selbst sagte dazu angeblich „Es hat die Richtigen getroffen“.

Die Lektion

Hinweise von Zeitzeugen wurden ignoriert, Vergleichsdokumente für Gutachten stammten auch von Kujau, kurz: man wollte es einfach glauben! Hier liegt die Lektion, den Historiker:innen aus der Fälschungsaffäre ziehen müssen.

  1. Die äußere Quellenkritik (also alle Informationen einer Quelle jenseits ihres Inhalts) ist ebenso wichtig, wie der Inhalt der Quelle. Z.B. wer schreibt wann, wem, wohin auf welchem Medium?
  2. Je aufsehenerregender der Inhalt einer Quelle, desto misstrauischer sollte man damit umgehen. „Zu schön um wahr zu sein“

Wer diese wichtigen Hinweise nicht beherzigt, hängt schnell am Haken. Sie werden im modernen Geschichtsstudium und in der journalistischen Ausbildung gelehrt, dennoch schlüpfen die Fälschungen und Fakes nach wie vor durch und in eine Veröffentlichung. Es wäre interessant zu erfahren, wie viele („authentische“) Kujau-Dokumente noch in der Forschung oder in Sammlungen unterwegs sind.

Der Promi

Die Aufdeckung seiner Hitler-Fälschung brachte Konrad Kujau zwei Dinge: Eine viereinhalbjährige Haftstrafe in Hamburg-Fuhlsbüttel, von denen er drei Jahre absaß, und Kultstatus. Die Öffentlichkeit bewunderte ihn für seine Dreistigkeit und sein Talent gleichermaßen. Er nutzte seine Popularität für seine Arbeit als Kopist und als Kandidat bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl 1996.

Kujau starb 2000 in Stuttgart.

Echte (was auch immer das heißt) „Kujaus“ haben inzwischen einen recht hohen Wert und werden inzwischen selbst gefälscht. Seine Geschichte(n) wurden von mehreren Medien aufgegriffen und verarbeitet.

Zellentür aus Fuhlsbüttel im Kujau-Kabinett

Das Kujau-Kabinett

Der Bietigheimer Sammler Mar-Oliver Boger eröffnete 2017 in Bietigheim-Bissingen ein kleines privates Kujau-Museum. Besucher:innen können hier nicht nur original Kujaus bewundern (die ja handwerklich beeindruckend sind), sondern auch Hintergründe zur Tagebuch-Affäre, das Fälscherhandwerk allgemein erfahren. Wenn er Zeit hat, führt Boger selbst mit Engagement und Augenzwinkern durch die Ausstellung.

Die allgegenwärtige lässige Unverfrorenheit Kujaus (allein hier sind zwei Abdankungsurkunden des deutschen Kaisers Wilheim II) ist nicht nur amüsant sondern auch eine wichtige Lektion in Zeiten von schnelllebigen Filterblasen.

Nachgebaute Fälscherwerkstatt im Kujau-Kabinett

Weitere Informationen und Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hitler-Tageb%C3%BCcher

https://www.stern.de/faking-hitler/hitler-tagebuecher–konrad-kujau-muss-man-wohl-als-berufsmaessigen-luegner-bezeichnen-9412548.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Kujau

Das Kujau-Kabinett im Internet: https://www.kujau-kabinett.de/

Online-Ausstellung im Kujau-Archiv: https://www.kujau-archiv.de/index.html

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