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Spuk bei Justinus Kerner: Arzt, Poet und Okkultist

Pünktlich im Oktober sollte es doch auch einmal gruselig in der Mikrogeschichte zugehen. Aber es ist nicht einfach in einer jungen Stadt wie Ludwigsburg „anständige“ Geistergeschichten zu finden. Man kann sich hier nur schwer auf die „Weiße Frau“ in mittelalterlichen Gemäuern berufen, wenn das Mittelalter beim Bau des Schlosses schon seit Jahrhunderten vorüber war.

Doch nach langer Suche und etwas Hilfe von der Stadt Ludwigsburg und dem Ludwigsburg-Museum musste ich früher oder später auf Justinus Kerner stoßen, seines Zeichens Arzt, Schriftsteller und Spiritist. Auch wenn ich bei der Lektüre seiner Biografie und seiner Schriften häufig schmunzeln musste, ist doch ein so vielfältiges Interesse eines einzelnen Menschen erwähnenswert. Wir werden uns seinen Gedanken sozialhistorisch und medizinhistorisch nähern, keine seltene Kombination.

Zunächst ein paar Worte zur Person Justinus Kerner

Justinus Andreas Christian Kerner wurde am 18. September 1786 in Ludwigsburg (Markplatz 8) geboren. Er hatte fünf ältere Geschwister. Seine Familie zog bald nach Maulbronn. Nach dem Tod seines Vaters begann der junge Justinus in Ludwigsburg eine Lehre in der herzoglichen Tuchfabrik. Um sich von der ungeliebten Arbeit abzulenken, begann er Gedichte zu verfassen und die Einwohner der benachbarten „Irrenanstalt“ mit seinem Maultrommelspiel zu unterhalten. In seinem „Bilderbuch aus meiner Knabenzeit“ ist die erste geisterhafte Beschreibung enthalten, die sein Talent beweist gruselige Stimmungen zu erzeugen:

„Noch lebendiger aber erinnere ich mich eines andern Zuges – des nächtlichen Leichenzuges des Herzogs zur Gruft seiner Väter im Corps de Logis des Schlosses. Wachskerzen und brennende Pechkränze waren von dem Tore an, durch das man von Stuttgart kommt, bis zur Schloßkirche aufgestellt. Durch diese ging der Zug mit der Leiche des Herzogs, von acht schwarzbehängten Schimmeln gezogen, gefolgt von Wagen, Trabanten und Reitern, aber nicht langsam und feierlich, sondern unbegreiflicherweise rasch, dem Dunkel zu, in dem aller Erdenglanz auf immer erlischt.
Der zum Himmel aufwirbelnde Rauch der Wachsfackeln und Pechkränze bildete, wie mir noch wohl im Gedächtnis steht, hoch über den Alleen, dem Schlosse und den Häusern der Stadt, in dem erhellten Nachthimmel die sonderbarsten Gestalten, gleichsam einen gespenstischen Zug, mit dem mir der Geist des Herzogs über seiner Leiche zu schweben schien. Später, als nach der Regierung des Herzogs Ludwig eine große Stille eintrat und die Räume des Schlosses sehr verlassen standen, gebrauchten wir Knaben gerade oft jenen Teil des Corps de Logis des Schlosses, wo die Gruft sich befindet, zu unsern Soldatenspielen und blickten da oft durch das am Erdgeschoß befindliche Gitter auf den mit rotem Sammet beschlagenen Sarkophag des Herzogs Carl und die anderen fürstlichen Särge nieder.“

Justinus Kerner: Das Bilderbuch meiner Knabenzeit, S.15ff.

Von Ludwigsburg zog er 1804 nach Tübingen zum Medizinstudium, das er 1808 mit Promotion abschloss. Einer seiner Patienten in Tübingen war 1806 Friedrich Hölderlin. Auf einer Geburtstagsfeier von Ludwig Uhland lernte er seine spätere Ehefrau Friederike Ehmann (1786 – 1854) kennen. Die beiden hatten drei Kinder. Kerners wichtigste naturwissenschaftliche Entdeckung war die Erstbeschreibung von Botulismus. Diese Vergiftung an verdorbenen Würsten wird verursacht durch Bolulinumtoxin, einer bakteriellen Ausscheidung, die in kleinen Dosen als das Arzneimittel „Botox“ und in großen Dosen als Giftwaffe verwendet wird. Er praktizierte in Dürrmenz, Wildbad, Welzheim, Gaildorf und in Weinsberg. Dort steht noch heute das Kernerhaus. Hier und im angrenzenden Geisterturm gingen schwäbische Dichter ein und aus und auch Kerner selbst war ein namhafter Dichter und Autor.

Justinus Kerner 1852, in der Hand eine Maultrommel. Gemälde von Ottavio d'Albuzzi, einem ehemaligen Patienten Kerners.
Justinus Kerner 1852, in der Hand eine Maultrommel. Gemälde von Ottavio d’Albuzzi, einem ehemaligen Patienten Kerners. Online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Justinus_Kerner_1852_von_Ottavio_d%27Albuzzi_2.jpg

Die Geister im Schwäbischen Wald

Im Laufe seines Lebens wandte sich Kerner immer mehr dem Okkulten zu. Er versuchte naturwissenschaftliche Erklärungen für Geistererscheinungen zu finden und konnte sich doch offensichtlich nicht der Faszination entziehen. Berühmt ist seine Faszination von Friederike Hauffe (1801–1829), der „Seherin von Prevorst“, die er sogar einige Zeit als Patientin bei sich aufnahm und zwei Bücher über sei veröffentlichte. Die junge Frau zeigte Symptome von „Dämonen- und Geisterbesessenheit“. Kerner diagnostizierte Somnambulismus (Schlafwandeln) und interpretierte ihr „Sehen“ als eine Art (weiterhin übernatürliche) innere Weisheit (Schau), nicht als Besessenheit. Verweise auf Friederike Hauffe finden sich in weiteren spiritistischen Veröffentlichungen Kerners, z.B. seine Zeitschrift „Magikon“.

Im Magikon sammelt er viele Berichte und Geschichten aus aller Welt über Spukerscheinungen und Mesmerismus (auch „animalischer Magnetismus“, der von Medizinern als Heilmethode schon im 19. Jahrhundert zunehmend als esoterisch abgelehnt wurde). Hier finden sich mehrere Geistergeschichten, die konkreten Orten, Personen und Zeiten zugeordnet werden und dadurch gewissermaßen wie Zeugenaussagen als Beweise gewertet werden:

„Geschichte einer Geistererscheinung und Erlösung“

„In dem anmuthigen Thälchen, welches das Städtchen Winnenden und das Pfarrdorf Schwaikheim im Würtembergischen verbindet, und durch welches der Zipfelbach fließt, liegt unfern eines vorspringenden Birkenwaldes nahe am Fußwege, der sich durchs Thal hindurchzieht, der sogenannte Teufelsbrunnen. […]
Am 17. Januar des Jahres 1861 wanderte der hiesige (i.J. 1839) verstorbene Bürger und Maurer J.G.F. Leibfriz von Schwaikheim, ein stiller und christlich gesinnter Mann, das Thal hinauf, um in Winnenden einige Einkäufe zu machen.“

Magikon, Band 1, S.162

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Leibfriz begegnet auf seinem Weg einem weiblichen Geist mit einem kleinen Kind, die sich mit „Ich  bin eine unglückliche abgeschiedene Seele.“ vorstellt. Sie bittet ihn zu einem bestimmten Termin am Brunnen für ihre Erlösung zu beten, was er versprach. Nach Unterredung mit Familie und Pfarrer entschied sich Leibriz dafür, dem Geist zu helfen. Begleiter bezeugten, dass er vor Ort immer wieder das Bewusstsein verlor. Er beschrieb es als Anfechtungen eine Untiers. Schließlich fasste er sich ein Herz und erlöste das Geisterfräulein mit den Worten:

„Nun Seele, schwing dich in die Höh‘ Und sage dieser Welt Ade!“

Magikon, Band 1, S.166

Und es ward nie mehr ein Spuk am Brunnen gesehen.

Bis hierher eine 1a Gruselgeschichte. Richtig spannend wird sie aber durch die folgenden Ergänzungen, die einen Wahrheitsanspruch zementieren wollen:

„Zur Aufhellung vorstehender Thatsache möchte folgender Auszug aus den Schwaikheimer Todtenregistern vom Jahr 1792 nicht unwillkommen seyn. Es heitß dort: ‚Katharina Dorothea Spörlin von Nassach, Beilsteiner Oberamts, Gronauer Kirchspiels, welche seit Lichtmeß l. J. (1792) bei hiesigem Kronenwirth Joh. Casp. Eckstein in Diensten gestanden, und ihre Schwangerschaft hartnäckig verleugnet hat, und dahero ihres Dienstes, ohne bei dem Pfarramt eine Anzeige zu machen, entlassen worden ist, hat sich aus Desperation in dem zwischen hier und Winnenden befindlichen sogenannten Teufelsbrunnen ersäuft, und ist nach vorgenommener Sektion, wobei sich befunden, daß es nur noch einige Wochen bis zu ihrer Niederkunft angestanden wäre, Kraft Herzogl. Regierungsbefehls den 26. Mai auf dem hiesigen Kirchhof Nacht um 9 Uhr in locum separatum begraben wurde.“

Magikon, Band 1, S.167

Was steckt hinter diesen Spukgeschichten?

Bis auf die Ortsangabe habe ich die Aussagen dieser Geistergeschichte nicht überprüft. Der Realitätsanspruch macht die Geschichte übrigens zur Sage, in Abgrenzung zum Märchen. Solche Sagen gibt es viele, nicht nur in Schwaben. Eine bekanntere ganz ähnliche „Geschichte des Mädchens von Orlach“ lässt sich bei Gutenberg Projekt nachlesen. Beide Sagen weisen auffällige Gemeinsamkeiten auf:

  • Fromme Menschen begegnen Spuk durch einen Totengeist, der um Erlösung durch Gebete bittet.
  • Nur die Betreffenden können die Geister sehen und verfallen in pathologische Zustände durch „Anfechtungen böser Geister“, die die Erlösung verhindern möchten.
  • Das Umfeld der Betroffenen ist nicht von übernatürlichen Ursachen überzeugt, doch sobald die Bitten der Geister erfüllt sind, werden die frommen Betroffenen wieder gesund.
  • All dies wird durch zahlreiche „Fakten“ unterfüttert.

Wer sich für Sagen und ihre Entstehung aus Perspektive der Erzählforschung interessiert, dem sei die Hoaxilla Podcast-Folge über Totensagen ans Herz gelegt: https://hoaxilla.com/hoaxilla-223-totensagen/

Klecks-Gespenster

Wie Kerner zu solchem Spuk stand, ob er tatsächlich daran glaubte, ist aus seinem Werk schwer zu interpretieren. Eine gewisse (Selbst?)Ironie sieht man in seinen Klecksographien, wo er Farbkleckse kreativ interpretiert, häufig geisterhaft und unterhaltsam.

Klecksographie 24 von Justinus Kerner, Frau im Spiegel
Gunter Grimm (Hrsg.): Justinus Kerner – Ausgewählte Werke. Stuttgart 1981. S.407-411. Online unter: https://www.projekt-gutenberg.org/kernerj/kleckso/klecks24.html

In eines Schlosses Frau’ngemach
Hing ein uralter Spiegel,
Jetzt hält man ihn dort unterm Dach
Fest unter Schloß und Riegel.

Was mit demselben Spiegel sich
Voreinst hat zugetragen,
Das will ich, ist’s auch fürchterlich,
Euch im Vertrauen sagen:

Sobald schlug Mitternacht die Stund‘,
Aufsprang von jenem Zimmer
Die Türe, und des Spiegels Rund
Ward hell wie Mondenschimmer.

Dann aus dem Spiegel sah heraus
Ein Bild, starr, bleich, entsetzlich,
Wer’s sah, den packte Frost und Graus,
Daß er zurücksprang plötzlich.

Wer war das? Eine Frau war das,
Stolz, eitel, ohne Frieden;
Bewundernd sich im Spiegelglas,
Ist sie vor ihm verschieden.

Verscheidend sprach zur Kammerfrau
Sie noch: »Färb meine Haare,
Damit ich nicht zur Schau so grau
Lieg in der Totenbahre.

Auch mach vor der Ausstellungsstund‘
Mir meinen Mund doch feiner,
Drück sanft ihn mit dem Finger rund,
Dann wird er wohl auch kleiner. –

Sie wollte sprechen weiter noch,
Ich glaub, von einem Mieder,
Ich glaub, von falschen Zähnen – doch
Da sank sie tot darnieder.

Die Dienerin hat nicht getan,
Was Eitelkeit begehrte,
Zum Spiegel jede Nacht sodann
Die Tote wiederkehrte.

Sie wollte färben die Frisur,
Wollt‘ suchen Zähn‘ und Mieder;
Doch schrie der Hahn – schwand ohne Spur
Sie aus dem Spiegel wieder.

Gar viel man von der Geistin sprach
In jenem alten Spiegel,
Drum ließ der Schloßvogt unters Dach
Ihn bringen unter Riegel.

Schnell hab ich diese Unnatur,
Zu mir heraufgekommen,
Einen Totenkopf auf der Frisur,
Klecksographisch aufgenommen.

Nutzanwendung
Dies war aus alter Zeit ein Weib,
Doch jetzt noch gibt es Frauen,
Frauen, die emsig ihren Leib,
Doch faul den Geist bebauen.
Wie werdet, Eitle, ihr einmal
Nach dem Tod aus Spiegeln blicken!
In des aufgeblasenen Rocks Skandal,
Den Putzhut in dem Rücken.
Um euren Arm den Firlefanz
Von Spitzen – Gott, welch Schauer!
Beginnet ihr den Totentanz
So um die Kirchhofmauer.
Die Männer, die in gleichem Wahn
Mit euch, ihr Eitlen, stecken,
Mittanzen als Gerippe dann
In ihren läpp’schen Fräcken,
Angströhren, daß sich Gott erbarm!
Auf ihren Köpfen tragend,
Oder Klapphüte unterm Arm,
Komplimentenräder schlagend.
Stellt euch einmal die Engel vor
In Hüten lächrich butzig,
Wie jetzt sie sind bei euch im Flor,
Im Nacken sitzend stutzig.
Seht sie in des Ballonrocks‘ Schmach,
Wie euch, o Schauer! wallen,
Gewiß, ihr würdet sagen: ach!
Wie tief sind die gefallen!
Ihr Fraun, die ihr die Eitelkeit
Durch Demut überwunden,
Euer Kopfputz sei ein Tüchlein breit,
Um die blanke Stirn gebunden.
Umhüllen möge euren Leib
Ein weißes Kleid von Linnen, –
Das könnt ihr selbst zum Zeitvertreib
Euch mit den Töchtern spinnen.
Die Seele bleibt, auf diese baut,
Ihr Frau’n, der Leib ist flüchtig;
Doch mancher, ach! ist ihre Haut
Mehr als die Seele wichtig.
Die Seele, noch so schön umhüllt,
Ist’s eine wüste Seele,
Die blicket einst als Schreckensbild
Aus dem Spiegel ohne Fehle.
Ihr aber, deren Seele licht,
Demüt’ge, fromme Frauen!
Ihr werdet nach dem Tode nicht
Aus ird’schen Spiegeln schauen.
Ihr schwebet aus der Erde Nacht
Empor zur Himmelsklarheit,
Schaut, was ihr hier geglaubt, gedacht,
Im Spiegel ew’ger Wahrheit.

Gunter Grimm (Hrsg.): Justinus Kerner – Ausgewählte Werke. Stuttgart 1981. S.407-411. Online unter: https://www.projekt-gutenberg.org/kernerj/kleckso/klecks24.html

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Justinus_Kerner

https://de.wikipedia.org/wiki/Friederike_Hauffe

https://de.wikipedia.org/wiki/Animalischer_Magnetismus

https://www.weinsberg.de/startseite/geschichte/justinus-kerner/biografie/

https://www.aerzteblatt.de/archiv/35265/Geschichte-der-Medizin-Justinus-Kerner-Medizin-und-Magie-im-Geiste-der-Romantik

https://www.planet-schule.de/wissenspool/die-brueder-grimm/inhalt/hintergrund/maerchen-definition-abgrenzung-zur-sage-legende-fabel.html#kap2

Justinus Kerner: Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. Stuttgart 1957. Erstausgabe 1840. online abrufbar unter: https://www.projekt-gutenberg.org/kernerj/knabenzt/knabenzt.html

Justinus Kerner (Hrsg.): Magikon – Archiv für Bobachtungen aus dem Gebiete der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens nebst anderen Zugaben für Freunde des Inneren. Stuttgart 1840, Reprint: Band 1, Langen 2000.

Gunter Grimm (Hrsg.): Justinus Kerner – Ausgewählte Werke. Stuttgart 1981.

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