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Karl Pfizers Geburtshaus in Ludwigsburg

Karl Pfizer – Pharmaziegeschichte aus Ludwigsburg


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Wer die B27 durch Ludwigsburg nimmt, erblickt auf Höhe des Residenzschlosses ein umstrittenes „Wahrzeichen“ der Stadt: 21 Meter über der Bundesstraße schlängelt sich eine zwölf Meter lange Stahl-Schlange des niederländischen Künstlers Auke de Vries. Hier wird keine Interpretation des Werkes stattfinden.

Schlangekreuzung Ludwigsburg
Schlange über der B27 in Ludwigsburg

Der Künstler lieferte jedenfalls keine Erklärung, jede*r solle selbst darüber nachdenken. Aber die Schlange markiert (zufällig) den Ort, um den es hier gehen soll: Die Wilhelmstraße 2, das (wohl kaum originale) Geburtshaus von Karl Christian Pfizer, der hier am 22. März 1824 als fünftes Kind eines Konditors geboren wurde.

Schild an Pfizers „Geburtshaus“ in Ludwigsburg

Es gibt verschiedenen Überlieferungen seines Lehrberufs, einmal ist er Apothekerlehrling, einmal „Materialist“. Allgemein bekannt wurde er aber als Unternehmer mit fundierten Chemie-Kenntnissen.
Im Zuge der (18)48er-Revolution (Vorsicht: Makrogeschichte!) und ihrem Scheitern machten sich viele junge Menschen aus Europa auf, um in Amerika ihr Glück zu suchen. 1948 und -49 ging es in Europa rund, weswegen diese Europäischen Einwanderer*innen in den USA eine eigene Bezeichnung bekommen haben: die „Fourty-Eighters“ (die 48er).

Karrikatur: Forty-Eighters
48er: König Friedrich Wilhelm IV. mit Pickelhaube, kehrt mit einem Reisigbesen die „Forty-Eighters“ aus Deutschland hinaus. Karikatur von Ferdinand Schröders (1818–1857) Zuerst erschienen in: Düsseldorfer Monatshefte. 1849, unter dem Titel: Rundgemälde von Europa im August MDCCCXLIX (1849) Abgebildete Personen: Victoria (Königin Großbritanniens sowie Irlands), Friedrich Wilhelm IV. (Preußen), Christian VIII. (Dänemark) und Napoléon III. (Frankreich) (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rundgem%C3%A4lde_Europa_1849.jpg)

Unter den jungen Migrant*innen waren auch die Ludwigsburger Karl Christian Pfizer und sein Cousin Karl Erhardt, die in Brooklyn, New York, ihr Glück versuchten. Vater Pfizer lieh den beiden zum Start umgerechnet 2.500 Dollar, wovon sie 1849 eine kleine Fabrik kauften und eine Chemie-Firma gründeten, „Charles Pfizer & Company“. Sie begannen mit der Produktion von Santonin, einem Bestandteil von Entwurmungsmitteln, und erweiterten die Produktpalette rasch. Die Schwaben wurden bekannt für ihre hohen Qualitätsstandarts und schnell erfolgreich. Schon 1857 zog man in ein größeres Gebäude und die Verwaltung bezog ein Büro in Manhattan. Bis 1860 wurde Pfizer amerikanischer Marktführer für Borax (oder Tinkal, ein Rohstoff für alle möglichen Anwendungen) und Borsäure (nicht gerade gesund, hat aber ebenfalls viele Anwendungen, unter anderem als Desinfektionsmittel).

Vom US-amerikanischen Bürgerkrieg, dem Sezessionskrieg von 1861 bis 1865, profitierte Pfizer gleich zweifach.

  1. Schutzzölle verhinderten den Import von europäischen Weinstein (eigentlich Weinsäure), den Pfizer nun selbst in großen Mengen herstellte denn
  2. Weinsäure wurde auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs als Wunddesinfektion gebraucht.

Schwabe bleibt Schwabe

Doch „Charles“ Pfizer vergaß seine Württembergische Heimat nicht. Er besuchte Europa häufig um den Kontakt zu seinen Zulieferern zu pflegen und lernte auf so einer Reise in Ludwigsburg (!) Anna Hausch kennen, die er 1859 in Ludwigsburg (!) ehelichte. Das Paar hatte fünf Kinder, darunter Charles jun. und Emile, die die Firma später weiter führten. Pfizers sprachen zu Hause natürlich Schwäbisch, sogar in der Firma wurde noch lange Deutsch gesprochen.

Pfizer und „Viagra“

Karl „Charles“ Pfizer starb am 9. Oktober 1906 auf einer Reise in Newport (Rhode Island) und hinterließ einen Konzern! Ihre bekanntesten Kassenschlager waren ab 1936 künstliches Vitamin C, Penicillin im Zweiten Weltkrieg und 1991 Sildenafil gegen Pulmonalen Bluthochdruck. Sildenafil hatte aber eine Nebenwirkung, die sich als viel potenter für die Firma herausstellen sollte und so kam 1998 Viagra gegen Erektionsstörungen auf den Markt: ein Riesen-Erfolg und wahrscheinlich das Medikament, für das Pfizer allgemein bekannt ist. (Eine kleine Anmerkung aus dem Rettungsdienst: „Herzpillen“ oder „Herzspray“ (Nitro) zusammen mit Potenz-Pillen (Viagra) sind eine sehr schlechte Idee, nicht machen!)

Viagra-Packung
Viagra (Wiedergabe größenverändert, „A pack of 4 Viagra tablets“, Urheber:SElefant, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Viagra_in_Pack.jpg, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

Natürlich umfasst die Produktpalette von Pfizer viele, viele Medikamente für alle möglichen Anwendungen und ich möchte hier auch nicht auf die ganze Geschichte des Konzerns eingehen, das wäre nicht mehr mikrohistorisch aber nicht unerwähnt bleiben darf der Skandal in Nigeria, wo Pfizer 1996 ein inzwischen verbotenes Antibiotikum „Trovan“ an Kindern testete, von denen einige starben. Auf diesen Vorkomnissen beruht der Roman „Der ewige Gärtner“ von John le Carré sowue der gleichnamige Film von Fernando Meirelles.


Verwendete Quellen:

Jörg Waldkönig: Geheimnisvolles Ludwigsburg, Gudensberg-Gelichen, 2003

http://www.pfizer.com/about/history/charles_pfizer archiviert auf https://web.archive.org/web/20170313070636/http://www.pfizer.com/about/history/charles_pfizer

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlange_%C3%BCber_Kreuzung

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Pfizer

https://de.wikipedia.org/wiki/Bors%C3%A4ure

https://de.wikipedia.org/wiki/Borax

https://de.wikipedia.org/wiki/Weins%C3%A4ure

https://de.wikipedia.org/wiki/Pfizer

https://de.wikipedia.org/wiki/Sildenafil

https://www.pfizer.com/people/history

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